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Arbeiten  mit Papier

Papier ist so vielgesichtig, ja widersprüchlich, wie kein zweites Material. Es weist ebenso auf Alltag, Konsum, Abfall und Verschwendung hin, wie auf Natur, Reinheit, Konzentration und Vergeistigung. Papierkunst hat denn nur einen gemeinsamen Nenner: sie ist fragil.

Caroline Kesser

Walter WEER

Papierskulptur (Einführungstext bei der Vernissage)

Ein Genie wie Pablo Picasso muss für viele Geschichten herhalten – angeblich hat er auch die erste Papierplastik geschaffen, zu Beginn seiner kubistischen Zeit, aus einfachem Karton geschnitten und zusammengeklebt – ganz einfach – eine Gitarre.

Im Gegensatz zu den Werkstoffen der klassischen Bildhauerei, die den Eindruck von Dauer, Gewicht und vergänglicher Bedeutung vermitteln, wie Bronze, Stein und Ton – nimmt sich Papier für eine plastische Gestaltung unkonventionell aus.

Gewohnheitsgemäß hat Papier flach zu sein, ein Träger für Schrift oder Zeichen, für Zeichnung und Malerei, aber zur Skulptur geradezu im Widerspruch. Umso weniger verwundert es da, dass sich Vertreter einer neueren Bildhauerei dieses Stoffes auch als subversives Element bedienen. Etwas was nicht sein darf, ist im 20. Jahrhundert zum Stachel experimentierfreudiger Künstler geworden. Papier ist ein aufregendes und faszinierendes Medium, leicht an Gewicht, beweglich und dennoch stabil, unendlich variabel und ohne Gewalt in fas jede beliebige Form zu bringen. Es ist mit jedem Werkzeug, ja sogar mit der bloßen Hand zu bearbeiten. Das und seine ständige Verfügbarkeit machen es zum idealen Material sowohl als Ideenlieferant  als auch zur Umsetzung von Ideen. Was unser tägliches Leben fast unbemerkt beherrscht als Zeitung, EDV-Ausdruck, als Verpackungsmaterial und Werbeträger, als Fahrkarte und Kontoauszug kann vom Künstler in ein Kunstwerk verwandelt werden.

Papierkunst ist eine typische Erschienungsform des 20. Jahrhunderts. Im Kunsthandwerk und in der Volkskunst war das Papier schon sehr früh  beliebtes Werkmaterial. Man denke an die japanische Faltkunst, das Origami, an die Andachtsbilder des 17. und 18. Jahrhunderts, an die Dekorationen des Barock, an Guckkasten-Dioramen und Papiertheater.

Aber erst mit der Einführung der Abstraktion in die Kunst zu Beginn des 20. Jahrhunderts rückten die Beschaffenheit und Wertigkeit des Materials Papier in den Blickpunkt künstlerischen Interesses. Braque und Picasso entwickelten die kubistischen „papiers collés“. 1912 war es Braque, der als erster eine Holzmaserung in einem Stillleben nicht mehr malte, sondern ein holzmaseriges Tapetenstück einklebte. Er und - wie schon erwähnt – Picasso konstruierten auch die ersten Skulpturen aus gefalteten Papieren und Karton. Futurismus, Dadaismus und Surrealismus – z. B. die Collagen eines Max Ernst – brachten eine reiche Weiterentwicklung. Der „Vater“ aller Papierkünstler ist aber sicher Kurt Schwitters. Er nannte seine Arbeiten aus papieren jeglicher Herkunft, die er geradezu mit Besessenheit sammelte., „Merz“ Bilder und „Merz“ Objekte.

Ab den späten 50er Jahren wird der Reiz diversere einfacher, trivialer, wenig beachteter Materialien zum Auslöser für die Arbeiten bedeutender Künstler wir Dubuffet, Yves Klein, Burri, Fontana und Tapies. Es ist die zweite revolutionäre Aufbruchsphase der Kunst in Europa, man denke an die Zero-Gruppe und die Künstler der „Arte Povera“. Alle diese Künstler haben wie selbstverständlich den Werkstoff Papier auch für Objekte und Skulpturen verwendet. Doch die Papierkunst musste gleichsam ein drittes Mal „erfunden“ werden.

Mit Robert Rauschenberg, der – angeregt auf deiner Reise durch Japan – eigens nach Südfrankreich reiste, um dort in einer historischen Papiermühle selbst Papier zu schöpfen, wurde die Kunst, aus selbst hergestelltem Papier oder Papierpulp Werke zu schaffen, schlagartig bekannt. Die Beschäftigung der 68er Generation mit dem östlichem Gedankengut, mit dem Zen- Buddhismus und damit folgerichtig mit der Darstellung der Vergänglichkeit, Leichtigkeit und scheinbaren Bedeutungslosigkeit unserer Welt durch das Medium Papier findet hier ihren Niederschlag.

Ein anderer – eher ein europäischer – Aspekt, die Besinnung auf die Erschöpflichkeit der Resourcen, schlägt sich in der „Recyclingkunst“ nieder. Das bereits Gebrauchte wird nicht entsorgt, sondern ist Material der Kunst. Beide Ansätze sind auch gut miteinander vereinbar.

Aus zerkleinerten Alttextilien entsteht beispielsweise jeansblaue geschöpfte Papiermasse, die Relikte es Konsums finden sich nur unwesentlich verändert im Kunstobjekt wieder. Ich kenne einen italienischen Künstler, Pino Guzzonato, der mit dieser Methode die Holz- und Bronzetore italienischer Kirchen und Dome abformt – sie schweben  dann getrocknet als leichte Repliken im Raum. Ähnlich arbeiten auch das französische Ehepaar Poirier, die antike Skulpturen mit Papermasse abformen und der Deutsche Andreas von Weizsäcker, der z. B. die Löwen des Siegertores in Papier abgegossen hat. Die heroischen Bronzedenkmäler des 19. Jahrhunderts aus Papier geformt – ein Denkprozess stellvertretend für die Änderung der Haltung der Künstler in den letzten zwei Jahrhunderten.

Andere Künstler, die sich mit „Recyclingkunst" beschäftigen, nehmen industriell vorgefertigtes oder benutztes Material, seien es nun Emballagen, Versandrohre, Pack- und Zeitungspapier, stapeln Zeitschriften zu Figuren und Installationen. Papier ist im Zeitalter des Virtuellen mehr in Verwendung als eh und je – Papier ist ein ganz und gar zeitgenössisches Material – die Papierkunst kann daher in ihrer Aktualität als Skulptur unserer Zeit durchaus Schritt halten.

Eine Momentaufnahme dieser von vielen Künstlern in aller Welt produzierten Papierkunst, fokussiert auf das Jetzt und Heute und geographisch auf den Osten Österreichs ist diese Ausstellung.

Was RENATE HABINGER auszeichnet, ist ihr sensibler Umgang mit dem selbst geschöpften Papier als solchem. Es bleibt  pur in seiner natürlichen Echtheit bestehen und wird mit wenigen sparsamen Eingriffen zum Kunstobjekt verwandelt. Das können Pflanzendornen sein, andere Reste pflanzlichen Materials – ein direkter Hinweis auf die natürliche Herkunft des Papier – oder ganz einfach Farbe, die wie bei einem Aquarell aufgetragen wird, entweder auf Papierbahnen oder auch auf ihren fragilen Skulpturen.

Auch die Arbeiten von ERNEST KIENZL sind von einer Leichtigkeit und Fragilität, die mit wenigen behutsamen Arbeitsschritten erreicht wird. Klebebahnen und –spuren reichen aus, diese Papierrollos und Segel zu strukturieren, die wiederum den Raum neu strukturieren

Was die beiden Künstlerinnen des nächsten Raumes verbindet, ist die Idee des Seriellen. Eine Chiffre, ein Code, ein Zeichen wird modifiziert, gereiht und zu Reliefs angeordnet.
MICHAELA HOFMANN-GÖTTLICHER arbeitet hier mit farbigen buchstabenähnlichen Formen oder zarten weißen Papierstreifen, die sie aneinander reiht. Wenn auch nicht lesbar – es sind so etwas wie Textseiten. INGRID CERNY schaffte es mit sparsamen Mitteln – einfachen Drahtgittern, eine angenehme Tiefe des Reliefs zu erzeugen. Ihre eigentliche

Sprache ist aber die des Papiers, das bisweilen den Eindruck von Metall erweckt. Das Schwere und das Leichte in Balance – die Buchstabenreste teilen etwas mit, was wir letzten Endes nur erahnen können.

HERMANN HÄRTEL träumt einen der ältesten Träume der Menschheit immer wieder aufs Neue, den Traum vom Fliegen. Er möchte über der Erde schweben, möglich ohne großen technischen Aufwand – es soll die Seele sein, die fliegt und nicht nur die Boeing. Dementsprechend sind die Flügel seiner Flugobjekte aus Papier geklebt. Was auf dem Papier als Plan entsteht, wird auch in Papier umgesetzt. Papier ist eine Metapher für die Leichtigkeit, für Möglichkeiten, sich über die Unbilden der Welt hinwegzusetzen.

Die schachtelähnlichen Skulpturen von ROBERT WEBER waren auch Schachteln. Sie haben aber schon Vergangenheit in sich, sind verbeult und eigentlich reif für den Container. Sie könnten wieder Ausgangsmaterial für neue Verpackung werden, aber der Künstler unterbricht diesen Kreislauf und verhilft ihnen schon vorher durch Farbe und Gestaltung zu neuem Leben und Leuchtkraft.

BABSI DAUM’s Arbeiten strömen eigentliche immer Fröhlichkeit aus, eine positive Stimmung geht von ihnen aus. Da ist zunächst der Einsatz der Farbe, von farbigen Papieren, andererseits etwas fast Spielerisches. Ihre Reliefs funkeln gleichsam, das fein gestanzte Papier leuchtet in verschiedenen Farbnuancen auf. Die wie Armreifen aussehenden Papiergebilde sind farbige Objekte, Schmuck oder was immer – für mich sind sie jedenfalls sehr fraulich, ihre tägliche Auseinandersetzung mit ihrer Schwangerschaft – übrigens das Kind ist da – eine kleine Paula. Jedes Papierobjekt steht für einen Tag dieses Lebensabschnittes.

MO HÄUSLER arbeitet gerne mit Holzstücken, d. h. Zweigen, Ästen, die sie zu Gittern mit Papier gestaltet – durchscheinend wie Fensterscheiben. Auch die Anatomie des Menschen in transparenter Form, der Käfig des Herzens, das Reptilhafte – Ankläge der Natur mit Mitteln der Natur.

BEATRIX MAPALAGAMA weiß viel über Papier, ist aber in erster Linie eine praktische Künstlerin, die auch handwerklich alle Möglichkeiten ausprobiert, voll zupackt und in alle Richtungen experimentiert. Was entsteht, ist eine Vielfalt pflanzlicher und tierischer Formen und Strukturen, eine Kompendium von Naturähnlichkeiten.

EVELYN GYRCIZKA ist Textilkünstlerin, sie ist bekannt für ihre Tapisserien und Gobelins. Das Material Papier ist da sehr naheliegende, zumal das textile Element durch Nähte, Stiche und dergleichen strukturierend mit gestaltet. Ihre Arbeiten überzeugen durch Eindringlichkeit und Schlichtheit. Nichts Überflüssiges stört die klare Form, eine gibt keine Schnörkel und überflüssig Details. Es ist eine Poesie der Einfachheit und Stille. Hören Sie in die Stille, lassen sie sich darauf ein.

Was von der Decke hängend beim Vorbeigehen in Bewegung gerät und sich dadurch immer wieder verändert, sind Mobiles von MAJA POGACNIK. Bemalte Papierstreifen und -scheiben, Zeichen, die die Flüchtigkeit von Zeit, Wasser und Leben symbolisieren.

Im selben Raum vermitteln die Objekte von ELISABETH WEISSENSTEINER, wie gut der Widerspruch von leicht, duftig und zugleich festgefügt – andererseits zart und zugleich mit spitzen Nadel – Dornen versehen in ein und demselben Kunstwerk umgesetzt werden kann. Die Künstlerin, die auch vielfach mit Flachs arbeitet, lässt ihre Arbeiten aus den Pflanzenfasern entstehen, um sie wiederum in neue Pflanzenformen zu verwandeln – eine Metamorphose von Natur in Kunst und gleichsam wieder zurück in Natur.

Eine Karawane von bunten aus Papiermaché und Holz geformten Schaukelpferden ist das Werk eines Künstlers, der sich seit mehr als 20 Jahren mit allen Formen der Papierkunst beschäftigt: TONE FINK. Über gerissene Papierbilder, begehbare und tragbare Papierobjekte, also auch Papierkleidern hin bis zu Papiermöbeln – alles ist bei ihm möglich. Ein reiches Feld der Papierkunst.

Ebenso lange wie Tone Fink und auch Franz West, aber mit anderen Mitteln versuche ich (Walter WEER) alle Möglichkeiten des Materials Papier auszuloten. Das Ergebnis sind Objekte und Skulpturen, die zwar immer Bezug zu Alltagsgegenständen haben – wie im Speziellem zur Rollos, Rollballen, Jalousien – aber sie zugleich tonisieren, in Frage stellen, umdeuten oder als Fragmente stehen lassen. Ein Kosmos der Irritationen unserer üblichen Wahrnehmungsgewohnheiten.

Diese riesigen Papierbahnen aus herrlichem Büttenpapier mit Zeichen ,die an ostasiatische Kalligraphie erinnern, sind unverkennbar Arbeiten von LORE HEUERMANN; die neben anderen Materialien wie Textilien, bevorzugt Papier einsetzt, gerne auch als Bücher. Natürlich sind es nicht bestimmte Schriftzeichen einer bekannten Schrift, aber es ist, was jeder von uns auch in sich trägt, das Geheimnisvolle einer inneren noch nicht geformten Sprache und deren graphische Umsetzung.

ANGELIKA KAUFMANN verwendet bewusst die einfache, unprätentiöse Form des Verpackungsmaterials, um etwas sehr Kostbares darin zu verbergen – Dichtung. Die Codierung, die sie dabei verwendet, gibt durch den Stellenwert (die Zahl) des Buchstabens im Alphabet, den Buchstaben selbst an, der verborgen im Säckchen ruht. Es gibt wohl keine schönere und passendere Methode, als die von ihr ersonnene, im Intellekt und Poesie eines Gedichtes von Friederike Mayröcker umzusetzen. Visuelle Poesie.

Teilnehmende Künstlerinnen und Künstler:

Ingrid Cerny, Babsi Daum, Tone Fink,
Michaela Hofmann-Göttlicher, Evelyn Gyrcizka,
Renate Habinger, Hermann Härtel, Lore Heuermann,
Mo Häusler, Angelika Kaufmann, Ernest A. Kienzl,
Beatrix Mapalagama, Maja Pogacnik, Robert Weber,
Walter Weer, Elisabeth Weissensteiner


Raum 1;
Habinger, Kienzl:

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Kienzl
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Cerny:

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Hofmann-Göttlicher

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Hofmann-Göttlicher

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H
ärtel

Raum 4;
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Raum 6;
Gyrcizka
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Raum 7;
Weissensteiner:

Raum 7;
Weissensteiner:

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Pogacnik
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Raum 8;
Weer
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Fink
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Raum 9;
Kaufmann:

Raum 9;
Heuermann, Durchblick Weer
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Raum 9;
Heuermann
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